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St. Roman (Kirche - Gedenktafel), Wolfach-Kinzigtal, Ortenaukreis, Baden-Württemberg

PLZ 77709

In der Kirche; beim Info-Stand, Gedenktafel eines KZ-Priesters

Inschriften:

Gedenktafel:
„Wir haben die Hölle empirisch erlebt!“
Eine flammende Anklage
Zeugnis des KZ-Priesters
Kurt Habich

Weil ich für meinen von der Geheimen Staatspolizei verhafteten Mitprimizianten Emil Kieses hatte beten lassen, bin ich von der Gestapo kurz darauf, am 25.3.1942 ebenfalls festgenommen worden. Der tiefere Grund dafür war meine Arbeit als Jugendseelsorger in Pforzheim, wohin ich wenige Monate nach meiner Priesterweihe (Frühjahr 1937) für den inhaftierten Kaplan Welte versetzt worden war. Nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis in Karlsruhe, am 15.4.1942, habe ich meine Jugendarbeit als Priester fortgesetzt – wie bisher. Meine zweite Verhaftung durch die Gestapo »wegen Beunruhigung der Bevölkerung« erfolgte am 8.6.1942. Der Weg führte jetzt durch die Gefängnisse Konstanz, Singen, Friedrichshafen, Ulm und Ingolstadt direkt in das Konzentrationslager Dachau.

»Hier kommen Sie nie wieder raus! Sie Verbrecher!« war die Begrüßung durch die SS. Ich bekam die Häftlingsnummer 33687. Zunächst wurde ich mit jungen Russen und polnischen Priestern in einem Raum hineingepfercht. Dort litten die meisten Häftlinge an Ruhr, und mußten am Tage bis zu dreißigmal zum Abort rennen. Medizin gab es für niemand. Dafür haben die SS-Leute einem sterbenden Russenjungen den Kot ins Gesicht geschmiert. Die meisten Häftlinge magerten ab bis zum Skelett. Ihr Hunger war fürchterlich. Alles schoben sie in den Mund: Blätter, Würmer, Kot; sie tranken den eigenen Urin. Es gab Fälle von Kannibalismus an Häftlingsleichen. Tagsüber mußten wir schwerste körperliche Arbeit leisten, oder wir wurden irgendwo hineingesperrt, mußten stundenlang in ein Loch hineinstieren und erdulden, wie unsere Peiniger wahllos auf uns einschlugen. Meistens mit der Peitsche.

Als ich nur noch 45 kg wog, bin ich zum Straßenkehren eingeteilt worden. Dabei bekam ich Phlegmone. »Du machst das nicht mehr lange hier, bald bist du verreckt!« sagte einer zu mir. Aber: Eines Tages waren meine eiterigen Geschwüre wie weggeblasen. Kein Arzt kann mir das erklären. Ich weiß, daß meine Jugend daheim für ihren Kaplan gebetet hat.

Oft schon morgens um 5 Uhr, mußten wir auf dem Appellplatz antreten. Dreimal am Tag mußten wir dort stehen. Bei Wind und Wetter, Eis und Schnee, oder in glühender Hitze. Stundenlang. Ausgehungert. 33000 Menschen in dünner Sträflingskleidung. Viele brachen zusammen. Tag für Tag hat es unvorstellbare Erniedrigungen gegeben.

Ein Verbot für alles Gute; ein seelischer Terror ohnegleichen. Es war die Hölle! Barbarische Strafen aus geringstem Anlaß. Quälereien über Quälereien. Einem Häftling haben die SS-Leute zur Geständniserpressung die Fingerspitzen abgezwickt. Jeden Tag eine! Für den »Diebstahl« auch nur einer Gelben Rübe wurde man auf den »Bock« (ein Holzgestell) gebunden und mit dem Ochsenziemer ausgepeitscht: 25 Schläge je links und rechts. Der Geschlagene hat jeden Streich mitzählen müssen. An Hl. Abend mußte alles antreten auf dem Appellplatz. Es war Schaubock. Aus Heimweh geflohene, und wiedergefangene Russenjungen wurden von den SS-Schergen dermaßen geschlagen, daß sie zum Himmel schrien: »Maria! – Maria!«. Es war furchtbar.

Auch meinem Mitbruder Kiesel haben sie »Wegen unerlaubten Beichthörens von zwei Mithäftlingen« auf den Bock gespannt, ausgepeitscht und nachher in den Stehbunker gesperrt. Dort konnte man nicht einmal umfallen. Nur noch ohnmächtig werden. Die Menschen sind übergeschnappt! Andere Gefangene wurden ins eiskalte Wasser geworfen. Wenn sie herauswollten, prügelte die SS auf sie ein. Auch hat man Häftlinge mit auf dem Rücken zusammengebunden Händen an einem Baum oder einen Pfahl gehängt. Stundenlang. Auf den GT dressierte Hunde hat die SS-Meute draufgehetzt. Zwei Menschen sind lebend in die Betonmaschine gesteckt und zermalmt worden.

Wir KZ-Häftlinge haben hineingeschaut in das Gesicht des Teufels. Wir haben die Hölle empirisch erlebt! Lampenschirme aus tätowierter Menschenhaut und bis auf Faustgröße geschrumpfte Häftlingstotenköpfe haben in Dachau die Wohnungen der SS-Häuptlinge symbolhaft »geziert!.« – Der Totenschädel ist das Sinnbild der SS. – Das Symbol einer auf den »Führer« eingeschworenen Terror- und Henkerbande. In Dachau war die erste Mörderschule des Hiltlerreiches. Vor dort aus führt die blutige Spur hinein in das Konzentrationslager durch fast ganz Europa. Sie ist begleitet von einem besonderen besessenen Haß gegen »die Pfaffen« (Pastor fidelis animarum fidelium = treuer Hirte gläubiger Seelen). Dazu nur ein Beispiel: Im Konzentrationslager Buchenwald ist ein Priester, weil er einen Mithäftling für den katholischen Glauben gewonnen hatte, aufgehängt worden, mit den Kopf nach unten, 36 Stunden lang, bis der Tod eintrat. – Mindestens 33000 Menschen sind in Dachau erschossen, totgeschlagen, erhängt ertränkt, für »medizinische Versuche« abgespritzt worden, oder sie sind verhungert oder erfroren. Tag und Nacht rauchten dort die Schornsteine des Krematoriums. Dachau war eine Fabrik des Todes. 1034 Priester sind dort ums Leben gekommen. Dachau ist heilige Erde.

Wir dürfen nicht schweigen. Wir dürfen niemals vergessen oder diese finstere Vergangenheit verdrängen. Sonst kommt sie maskiert wieder. Für uns Menschen gibt es gegen das Böse und gegen den Bösen nur eine Macht: Das Gebet. Mögen unsere Verfolger auch dagegen höhnen, sie fürchten es. Jedes Gebet hat Ewigkeitswert. »Es ist eine Großmacht im Reiche Gottes«.

(Unterschrift)
Kurt Habich, KZ-Priester

Die Folgen der bis 28.3.1945 erlittenen KZ-Haft waren schwere gesundheitliche Schäden, und verlangten von Kaplan Kurt Habich äußerste Selbstdisziplin. Der Priester war eine starke Persönlichkeit. Von April 1945 bis 1950 war er Stadtpfarrer in Offenburg, danach bis 1961 Rektor der Jungendschule in St. Ulrich/Bollschweil, und von da an 20 Jahre Stadtpfarrer in Freiburg-Littenweiler. Bis ins hohe Alter wirkte er als Mitseelsorger in der Pfarrei und im Kloster St. Trudpert, Münstertal. Zur Nazizeit war sein Leben bedroht, er durfte es lange behalten (1912 bis 1997) – als Zeuge einer verheerenden Vergangenheit. Außer Ehrungen aus seinem früheren Wirkungskreis Pforzheim, ist Pfarrer Kurt Habich 1993 für sein unermüdliches Auftreten als Zeitzeuge gegen die Nazi-Barbarei das Bundesverdienstkreuz verliehen worden. R.H.

Namen der Opfer:

2. Weltkrieg

Name

Vorname

Geburtsdatum

Todesdatum

Bemerkung

HABICH

Kurt

1912

1997

Priester, Überlebender KZ-Dachau

Datum der Abschrift: 11.03.2012

Beitrag von: W.Leskovar
Foto © 2012 W.Leskovar

 

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